|
Vor 80 Jahren erschuf Konrad Wachsmann ein wegweisendes Baukastensystem für Fertighäuser.
Die Lausitz – Grenzregion zwischen dem südlichen Brandenburg, Sachsen und Polen – verfügt wie das angrenzende Schlesien über ein reiches Blockhaus- und Holzbauerbe. Der 1901 in Frankfurt/Oder geborene Konrad Wachsmann gilt als dessen wichtigster neuzeitlicher Protagonist.
Wachsmann folgte der Maxime der freien Geistesbildung und suchte zeitlebens nach der ’idealen’ Werkstofflösung, um seinen Traum von einer effizienten, maschinell vorgefertigten Systembauweise von Wohnhäusern zu realisieren. Diese damals neuartige Synthese aus Technik und Wissenschaft definierte er als ’Neue Kunst’ der Architektur. Wachsmann folgte der 1919 in Weimar gegründeten Kunstschule des Bauhauses und strebte eine ganzheitliche Erneuerung der Gesellschaft an, unterschied sich jedoch von ihr in seiner Einstellung zum Handwerk – er setzte auf die maschinell-technische Herstellung.
Im Dunstkreis der Revolutionäre
Ohne abgeschlossene Schulausbildung erlernte Wachsmann das Tischler- und Zimmermannshandwerk. Auf Anraten der Familie begab er sich nach Berlin, wo er die Kunstgewerbeschule besuchte. Die dort gelehrten Inhalte konnten aber den Lebens- und Wissensdurst des jungen Mannes nicht befriedigen. Die Bohème der Kunst- und Literaturszene rund um das Romanische Cafe faszinierten den jungen Wachsmann weit mehr. Denn hier konnte er in den Dunstkreis um Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler, George Grosz oder Erika und Klaus Mann eintauchen und die vom revolutionären Geist gespeiste, ganzheitliche Bewegung der aufkeimenden Moderne in Gänze aufsaugen.
Weg ins Holzbauzentrum Niesky
Wachsmann gelangte zur Überzeugung, dass neben der Politik, der Kunst, der Literatur und der Musik auch die Architektur einer grundlegenden Erneuerung bedürfe. Der Jugendstil hatte seine transformierende Kraft bereits wieder verloren und die vorherige Gründerzeit hatte sich ebenso ‘abgewirtschaftet’ wie das kriegslüsterne Kaiserreich.
Auf der einen Seite gab es Prunk, Protz, ausufernde Ornamente, eine stramme Beamtenschar und eine selbstgefällige, bourgeoise Gesellschaft, die in palaisähnlichen Bauten residierte. Auf der anderen Seite hauste das Gros der einfachen Bevölkerung und der Arbeiterschaft in ärmlichen Mietskasernen und anderen primitiven Behausungen. Es herrschte Wohnungsnot – ein Sachverhalt, der für Wachsmann nach Veränderung schrie. Zudem forderte er eine neue Sachlichkeit, Schlichtheit und Unauffälligkeit im Wohnungsbau.
Vorfertigung und Export
Nachdem Wachsmann an den Kunstakademien Dresden und Berlin Architektur studiert hatte, begab er sich auf Geheiß seines Lehrers Hans Poelzig 1926 nach Niesky in Sachsen. Hier wurde er als Architekt bei der Christoph & Unmack AG, der damals größten Holzbau- und Maschinenfabrik Europas, fündig. Das Bauunternehmen war seiner Zeit weit voraus und wies eine signifikante Besonderheit auf. Entgegen der allgemeinen Verwendung von Glas, Stahl, Chrom und Stahlbeton als moderne Baustoffe, basierten dessen industriell produzierten Häuser auf dem traditionellen Baustoff Holz. Es fertigte die Holzhäuser bereits komplett maschinell vor, bevor sie probeweise im Werk zusammengesetzt, und dann nach ganz Europa und bis nach Amerika exportiert wurden.
Haus als Baukastensystem
Wachsmann blühte in seinem Schaffen regelrecht auf, ließ sich durch den für damals enormen Maschinenpark inspirieren und stieg in kurzer Zeit zum Chefarchitekten empor. Er konzipierte standardisierte Paneelsysteme, ersann bautechnisch ausgeklügelte Vorkehrungen und reformierte die Skelettbauweise durch neue statische Berechnungsmethoden. Zudem entwarf er Musterhauskataloge mit einem kundenorientierten, modulartigen Gesamtkonzept.
In diesen wurde nicht mehr wie bis dahin üblich einzelne Haustypen offeriert, sondern der Kunde konnte sein Heim kreativ zusammenstellen. Dazu stand ihm ein umfangreiches Baukastensystem mit vorgefertigten Elementen zur Verfügung. Wachsmanns Kunst bestand darin, trotz der Limitation im Baukasten eine größtmögliche Variation am einzelnen Bauobjekt zu ermöglichen – vom ‘Oberlausitzer Heimatstil’ bis zur funktionalen Bauhausoptik.
Preiswert, zweckmäßig und modern
Als Schrotholz- oder Umgebindehäuser standen Haustypen in Blockbauweise ebenso zur Auswahl wie Objekte in Holzrahmenbauweise mit Brettschalung. Das Motto lautete: ‘Preiswert, dauerhaft, wärmedämmend, zweckmäßig, modern.’ Man plante und baute private wie öffentliche Bauten, darunter Hotels, Kirchen, Krankenhäuser, Turnhallen, Schulen, Bahnhöfe, Industriehallen und selbst Funktürme. Neben Konrad Wachsmann arbeiteten und experimentierten auch andere namhafte Architekten für die Christoph & Unmack AG, so zum Beispiel Albin Müller oder Henry van der Helde.
Bis 1945 war Niesky das Holzbauzentrum der Welt. Noch heute können in der Kleinstadt im Landkreis Görlitz fast 100 Holzfertighäuser aus der Wachsmann-Epoche besichtigt werden. Ein großer Teil davon steht in der Holzkolonie Neu-Ödernitz, wo das Unternehmen für seine Mitarbeiter 76 Häuser mit 250 Wohnungen in Tafelbauweise gebaut hat. Die Arbeiterschaft war begeistert und ihre subjektiv geäußerte Empfindung spiegelt damals wie heute ein Wesensmerkmal des Holzbaus wider: „Wir wollen unsere Holzhäuser nie mehr mit Steinhäusern tauschen!“ Zudem findet man hier die einmalige ‘Blockhausstraße’. Das Verwaltungsgebäude und die Werkshallen der Christoph & Unmack AG in Niesky sind ebenso vorhanden.
Für ein Vorstandsmitglied seines Arbeitgebers entwarf Konrad Wachsmann 1927 ein zweigeschossiges Blockhaus. Dieses ‘Direktorenwohnhaus’ weist für die damalige Zeit auffallend große Fensterflächen auf. Ausladende Schwellbalken dienen als Tropfkante, Hirnholzbretter schützen die Kreuzecken. Die 18 Meter langen Blockwände erforderten Balkenstöße. Deckenbalken durchdringen die zweigeschossigen Außenwände. Nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen wird das Haus demnächst als ‘Informationszentrum Holzbau’ Besuchern zur Verfügung stehen.
Oregon Pine für Einstein
Ein weiteres Bauprojekt sollte für den jungen Architekten von größter beruflicher und persönlicher Bedeutung sein. Schon 1925, vor seinem Wirken in der Oberlausitz, hatte er ein industriell vorgefertigtes Holzbausystem entwickelt, dessen Clou sein geringes Gewicht bei hoher Festigkeit und Dauerhaftigkeit war. Zu Beginn des Jahres 1929 erfuhr Konrad Wachsmann von der Schenkung eines Sommerhauses der Stadt Berlin an Albert Einstein zu dessen 50. Geburtstag. Schnurstracks machte sich Wachsmann auf den Weg, klingelte bei Einstein, fand Gehör und überzeugte ihn derart von seinen revolutionären Plänen, dass er tatsächlich den Auftrag erhielt. Auf ausdrücklichen Wunsch Albert Einsteins sollte das Sommerhaus schlichten Charakters sein, gleichwohl modern und funktional und vor allem naturnah. Und so wurde im gleichen Jahr in Caputh bei Potsdam ein rotbraungebeiztes Holzhaus aus nordamerikanischer Oregon-Pine – heute besser als ‘Douglas Fir’ oder Douglasie bekannt – errichtet. Wachsmann wusste um die Eigenschaften dieses Bauholzes. Denn das Douglasienholz zählt zu den härteren Nadelhölzern, hat eine hohe Festigkeit und eine gute Pilzresistenz, ist aber relativ leicht und eignet sich daher besonders für konstruktive Aufgaben.
Internationale Anerkennung
Der Holzbau mit Ziegeldach, bodentiefen Fenstern, einer Innenverschalung aus Pinienplatten, hochmodernen Einbauschränken und einem Terrassenflachdach wurde ein überragender Erfolg für Konrad Wachsmann. Neben internationaler Aufmerksamkeit verschaffte ihm dieser vor allem eine langjährige Freundschaft zur überaus zufriedenen Baufamilie Einstein.
Doch das Glück in Deutschland währte nicht allzu lange. Nach Studienaufenthalten in Rom zwang ihn die Nazi-Diktatur als Mensch jüdischen Glaubens 1938 zuerst in die Emigration nach Paris, bevor er dann 1941 mit Unterstützung von Albert Einstein in die USA fliehen konnte. Dort lehrte er ab 1949 in Chicago und später in Los Angeles als Professor für Konstruktionssysteme und schuf das ‘Mobilar-Structure-Building-System’ für große Hallenbauten. Zudem hat er sich in Amerika vor allem mit dem mit Walter Gropius konzipierten ‘Packaged-House-System’, einem baukastenähnlichen System für die Holzfertigbauweise, einen Namen gemacht. Mannigfach geehrt und mit weltweit bedeutenden Architekturpreisen ausgezeichnet verstarb Konrad Wachsmann 1980 in Los Angeles. Auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde er in seiner Heimatstadt Frankfurt/Oder beigesetzt. Die Akademie der Künste in Berlin verwaltet den Nachlass des Holzbau-Pioniers.
Copyright 2009, Blockhome Verlag
Beitrag als PDF
|